Krieg und Frieden

 

Als wir am vierten Advent 2015 unseren zwei Jahre alten Enkel in der Waldbröler Kirche zur Taufe brachten, wählten seine Eltern als Taufspruch den Satz Jesu (Joh.14,27)“ Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich Euch, wie die Welt gibt. Euer Herz Erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“

Wir blickten damals zurück auf 70 Jahre Frieden in Deutschland. Die für den Wahnsinn des sogenannten Dritten Reiches und für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs als Politiker, Militärs, Juristen, Philosophen, Theologen Haupt-oder Mitverantwortlichen waren tot. Eine Erinnerungskultur an die Verbrechen an den Juden war entstanden, die den Deutschen Orientierung und weltweit Respekt brachte. Kriegswunden heilten oder waren schon verheilt. Die Trennung Deutschlands war seit einem Vierteljahrhundert Geschichte.

Zwei neue Generationen waren herangewachsen und eine dritte im Kommen. Von Kriegen hörten wir aus gesicherter Entfernung. Für Verfolgte in der Welt beteten wir regelmäßig in unseren Gottesdiensten. Vielleicht waren es die in Wellen der auch in unsere kleine Stadt kommenden vor Krieg und Hunger Geflüchteten, vielleicht auch die Nachrichten von immer neuen Kriegen und die Erinnerung der Älteren an die furchtbaren Folgen des letzten Krieges in Deutschland, die zur Wahl dieses Taufverses bewegt hatten.“ Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich Euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“

„Nie wieder Krieg!“ steht seit 70 Jahren in großen weißen Buchstaben weithin sichtbar über unserer Stadt an der sogenannten Hitlermauer: „Nie wieder Krieg!“ Denn Gewalt erzeugt Gegengewalt und Drohung wieder Drohung. Krieg bringt unermessliches, nie wieder gut zu machendes Leiden, Sterben und eine individuelle und kollektive Schuld. Wir waren uns dessen bewusst und wählten Politiker, die sagten, dass sie Demokratie und einen durch Regeln und Absprachen gefestigten Frieden wollten.

Aber politische Regeln, Absprachen, Friedensversprechen und Friedensverträge, wie die Welt sie kennt und nötig braucht, sichern den Frieden nicht endgültig und für alle Zeiten. Das haben wir jetzt erfahren.

Wie bei einem Gewitter mit einem Blitz aus heiterem Himmel war mit dem Überfall Putins in die Ukraine plötzlich der Krieg am 24. Februar 2022 wieder zurück und uns ganz nah mitten im sicher geglaubten Europa.

„Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit sondern Waffen!“ gab der ukrainische Präsidenten Wolodymyr Selenskyj dem amerikanischen Präsidenten Joseph Biden am 26. Februar 2022 zur Antwort, als dieser ihm anbot, ihn mit dem Hubschrauber aus seiner Hauptstadt Kiew in Sicherheit zu bringen. Das war ein Satz, der die ganze Welt aufhorchen ließ. Die einen erschraken - andere bewunderten die Entschlossenheit dieses Mannes zur Verteidigung seines Vaterlandes. Wer aber war und wer ist Wolodymyr Selenskyj?

In der Fernsehserie: “Diener des Volkes“, die in Russland und in der Ukraine in den Jahren vor seiner Wahl zum Präsidenten ausgestrahlt wurde, ist er für Millionen von Russen und Ukrainern zu einer bekannten Figur geworden. Die Filmserie ist ein unterhaltsames satirisch politisches Märchen, in dem drei mächtige, weil sehr reiche Drahtzieher einen kleinen Geschichtslehrer in einer Art lustigem Experiment bei der anstehenden demokratischen Wahl zum Präsidenten der Ukraine machen wollen.

Und er wird tatsächlich gewählt! Nicht weil die mächtigen Oligarchen ihn unterstützen, sondern weil seine Schulklasse durch ein Video, das sie heimlich von ihm aufgenommen und anschließend ins Netz gestellt und damit, dafür gesorgt haben, dass seine flammende Protestrede, die er nur für sich allein hielt, als er sich unbeobachtet wähnte, und in der er seinem Frust wegen politischer Korruption und Ungerechtigkeit im Land Luft gemacht hatte, im ganzen Land gesehen, gehört und begeistert aufgenommen wurde. Und weil die Schüler dann durch ein „Crowd-Funding“ ihm die für die Anmeldung zur Wahl erforderlichen 2 Millionen Hrywnja (6500 Euro) zur Verfügung stellen konnten.

Dieses politisch satirische Märchen erreichte die Herzen so vieler Ukrainer, dass sie den Schauspieler Wolodymyr Selenskyj am 23. April 2019 mit 73 % der Stimmen in einer demokratischen Wahl tatsächlich zu ihrem Präsidenten wählten.

Aus einem satirisch, märchenhaften Film, in dem es in unterhaltsamer Weise um die Bedrohung der Demokratie durch Korruption und Machtmissbrauch und um die Stützen der Demokratie durch freie Meinungsäußerung, Rechtsschutz , freie Wahlen und soziale Gerechtigkeit geht, wird durch eine freie demokratische Wahl überraschende politische Wirklichkeit.

Das ist ein bedeutsamer Vorgang in der Kultur - und Geistesgeschichte allgemein und in der Entwicklungsgeschichte der Demokratie: Ein Film hat Menschen so berührt, dass sie den Schauspieler, der in einer unterhaltsamen Filmserie zum Präsidenten gewählt wurde, tatsächlich in einer gültigen demokratischen Wahl zu ihrem Präsidenten wählten.

Wird diese Wahl einmal als ein in die Zukunft weisender weltweit zum friedlichen Miteinander ermutigender demokratischer Weckruf in Erinnerung bleiben?

Oder wird diese Wahl als der entscheidende Funke in Erinnerung bleiben, an dem sich die kriegerischen Spannungen, die sich schon seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 in Europa zusammengebraut hatten, blitzartig und endgültig am 24. Februar 2022 mit einem Bruch des Völkerrechts d.h.: des Rechts, das die Völker der Welt sich gegeben haben, in einem Großangriff russischer Soldaten auf die Ukraine entluden?

„Wir wissen es nicht, das ist die brutale Antwort!“ sagte Außenministerin Annalena Baerbock, als sie kurz nach Ausbruch des Krieges bei einer Anhörung der Regierung im deutschen Bundestag gefragt wurde, ob dieser Krieg zu einem Atomkrieg führen könne. „Wir“, so fuhr sie fort, “hadern bei unseren Entscheidungen, den Ukrainern Waffen zu liefern und entscheiden danach, was die jeweilige Situation erfordert, obwohl wir hadern.“

Die Frage ob dieser Krieg zu einem Atomkrieg führen kann, stand ein halbes Jahr später im September 2022 immer noch wie im März 2022 im Raum, als sie in einem Interview auf die Frage der Kölner Rundschau: „Trauen Sie Putin denn zu, tatsächlich eine Atombombe abzuwerfen?“ Folgendes antwortete:

„In den nun schon mehr als 220 Kriegstagen hat Putin immer wieder gezeigt, dass er vor schlimmsten Kriegsverbrechen nicht zurückschreckt. Er macht vor Krankenhäusern und Kindern nicht Halt und ist sogar bereit, sein eigenes Land zu ruinieren. Wir nehmen seine Worte sehr ernst, alles andere wäre fahrlässig. Allerdings hat Putin schon zuvor unverantwortliche Drohungen ausgesprochen, und er weiß, dass kein Land der Welt – auch nicht diejenigen, die sich wie China bisher nicht klar positionieren – bei dieser Frage ein Zündeln einfach so akzeptieren würde. Auf Erpressung dürfen und werden wir uns nicht einlassen, das würde Putin als Einladung zu weiterer Eskalation verstehen. Er hat klargemacht, dass sein imperialer Wahn sich nicht auf die Ukraine beschränkt. Deshalb setzen wir unsere Unterstützung für die Ukraine verantwortungsvoll fort. Putins brutaler Plan, die Ukraine zu überrennen, ist bisher nicht aufgegangen, und wir setzen alles daran, dass er auch künftig nicht aufgeht. Kaum ein Land weltweit stellt sich noch hinter Putin, zu Hunderttausenden fliehen junge Russen aus dem Land. Der russische Präsident ist so einsam und isoliert wie noch nie. Und er trägt ganz allein die Verantwortung für jeden Tag dieses furchtbaren Krieges. Dagegen steht der bewegende Mut der Ukraine, ihr Land und damit die internationale Friedensordnung zu verteidigen. Und dagegen steht die Geschlossenheit Europas. Das gibt Hoffnung.“ Und auf die Frage:

Wann wird dann über Frieden verhandelt? Folgendes antwortete:

„Jeden Tag versuchen wir es. Jeden Tag seit dem 24. Februar bekniet einer der über 190 Staaten der Welt oder eine internationale Organisation im Auftrag der Weltgemeinschaft den russischen Präsidenten, das Bomben einzustellen. Menschen Fluchtkorridore zu ermöglichen. Kinder nicht zu verschleppen. Und die einzige Antwort des russischen Präsidenten sind weitere Gräueltaten. Wie es derzeit um seine Verhandlungsbereitschaft steht, hat Putin in seiner Rede vom Freitag leider sehr klargemacht. Sein Verhandlungsangebot lautete in etwa: „Wir rauben euer Land, unterwerfen eure Bürgerinnen und Bürger, und ihr dürft das dann unterschreiben.“ Das ist das Gegenteil von Frieden. Das ist Terror und Unfreiheit. Dieser Angriffskrieg ist zu Ende – sofort –, wenn der Angreifer Russland aufhört, die Ukraine zu vernichten. Wenn allerdings die Ukraine aufhören würde, sich zu verteidigen, dann wäre die Ukraine am Ende, und die furchtbaren Verbrechen gegen die Menschen wären Alltag auch in Kiew. Das muss jedem klar sein, der fordert, wir sollten die Ukraine nicht mehr unterstützen oder Putin nachgeben. Putin hat ohne Grund sein Nachbarland angegriffen, Millionen in furchtbares Leid versetzt, die Welt aus den Fugen gehebelt – er muss diesen Krieg beenden.“ (Quelle: Interview mit Annalena Baerbock in der Kölnischen Rundschau vom 7.10.2022)

Annalena Baerbock und die sogenannte Ampel-Regierung zusammen mit der größten Oppositionspartei CDU wollen die angegriffenen Ukrainer in ihrem Abwehrkampf gegen Putin unterstützen, ohne selbst Kriegspartei zu werden und dabei die Lebensinteressen besonders der Deutschen und ihrer Verbündeten aber auch die anderer Völker in der Welt mit beachten. Recht soll vor Macht und nicht Macht vor Recht gehen.

Dass sie auf die Frage, ob dieser Krieg zu einem Atomkrieg führen könne, antworten musste: “Wir wissen es nicht, das ist die brutale Antwort“ ist ebenso erschreckend wie Dr. Wolfgang Schäubles Antwort auf die Frage, ob es einen Ausweg aus diesem Krieg gebe und er sagte: “Ich weiß keinen – und das ist das erste Mal in meiner 50 jährigen Geschichte in der Politik, dass ich so etwas gestehen muss.“ (Quelle: Tagesspiegel vom 18.9.2022 M. Fiedler und V. Höhne im Interview mit W. Schäuble anlässlich seines 80. Geburtstags)

Das sind schlechte Nachrichten. Doch gibt es anscheinend auch gute.

„Die Nato“, so steht es am 8. November 2022 im Oberbergischen Anzeiger, „hat dem Präsidenten Putin erklärt, dass sie für den Fall einer nuklearen Eskalation einen nicht nuklearen, aber umfangreichen Gegenschlag plant, der auf die Vernichtung sämtlicher russischer Verbände in der Ukraine und sämtlicher russischer Kriegsschiffe im Schwarzen Meer hinauslaufen würde.“

Bundeskanzler Scholz hat auf dieser Grundlage am Ende seines Antrittsbesuchs in Peking im Beisein von Xi Jinping vor der Presse bekannt geben können: “ Staatspräsident Xi Jinping und ich sind uns einig: Atomare Drohgebärden sind unverantwortlich und brandgefährlich.“

Danach gab es eine Erklärung verbreitet von Radio Moskau, wonach Russland „strikt vom Postulat der Unzulässigkeit eines Atomkrieges geleitet wird.“ (Quelle: Oberbergischer Anzeiger vom 8.11.2022)

Es scheint so, als habe die Kriegsdrohung der Nato an Präsident Putin gewirkt und wir könnten im Vertrauen auf die starken Waffen der Nato zunächst erleichtert aufatmen.

Ich lese in den Briefen meines Vaters. Er war 31 Jahre alt, Rechtsanwalt und Notar und seit drei Jahren verheiratet, als der 2. Weltkrieg am 1.9.1939 begann. Mit 32 Jahren wurde er 1940 als Gefreiter des Heeres eingezogen. Im selben Jahr wurde ich geboren und meine Schwester ein Jahr später im Jahr 1941.

Der „Blitzkrieg“ war im vollen Gang und nahm an Fahrt auf. Sieg lag in der Luft. Dann 3 Jahre später wendete sich das Blatt mit der Invasion der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Viele Menschen flüchteten in Richtung Deutschland und auch Vaters Einheit war auf dem Rückzug. In einem Feldpostbrief schrieb er am 7. Juli 1944 an meine Mutter “ Du willst nun wissen, wie es hier ist. Liebes, es ist besser, man schreibt nicht viel, jedenfalls ist alles anders, als es der beste sog. Frontbericht nachher übermittelt. Furchtbar ist der Krieg und alle, die ihn heraufbeschworen, sollte man vierteilen. Ich habe Flüchtlingsszenen gesehen, die ich nie vergessen werde. Einmal sah ich einen kleinen Jungen, genauso alt wie unser Bub, der neben seiner Mutter, die einen Kinderwagen schob, her stampfte, so tapfer und mit dem Schritt unseres Jungen. Wir meinten, es müsste uns das Herz zerreißen. Wolle Gott, dass Dich und die Kleinen nie so ein Los trifft. Nun genug davon. Du tust mir einen Gefallen, mich nach den Sachen, die sich hier abspielen, am besten nicht zu fragen.“

Selbst wenn die Drohung der Nato Putin davon abhalten kann, die Ukrainer mit Atomwaffen zu bekämpfen, so ist und bleibt der Krieg in der Ukraine doch auch ohne Atomwaffen von der Geburt des Jesuskindes zu Weihnachten aus betrachtet ein grauenhaftes und Abgrund tief sündiges Unterfangen. Das schließe ich auch aus der Erfahrung meines Vaters.

Zuletzt war er mit seiner Einheit am Ostufer der Elbe eingekesselt zwischen den anrückenden Amerikanern im Westen und den Russen im Osten. Dann wurde er gefangen und verbracht in ein Gefangenenlager in Kursk, wo er am 5. April 1946 laut Arztbericht an Ruhr und Hunger verstarb. In seinem mit einer der letzten Feldpost an meine Mutter geschickten Testament lese ich den Satz: „Bitte schreibt nicht auf meinen Grabstein: Gefallen für Führer, Volk und Vaterland“

So groß wie in der letzten Hälfte des Jahres 2022 war der Zeitdruck für die Politiker und Politikerinnen noch nie, die von den Menschen erwarteten Entscheidungen zu treffen. Wer jetzt Folgen schwere Fehler macht, sündigt und lädt schwere Schuld auf sich.

Ich wünsche und bete, dass Wolodymyr Selenskyi, Olaf Scholz, Annalena Baerbock, Christian Lindner, Joseph Biden und alle unsere Politiker/innen bei ihrem Reden und Entscheiden, das Hadern nicht vergessen, von dem Annalena Baerbock zu Beginn des Krieges in der Ukraine vor 260 Tagen sprach. Ich wünsche ihnen, dass sie nicht aufhören, bei ihrem Überlegen und Entscheiden die persönlichen Schicksale der Menschen auf beiden Seiten in diesem Krieg im Blick zu behalten. Die Art, wie Jesus Menschen ansah und an sie dachte, kann sie dazu inspirieren und ermutigen.

(Anm.: Wie ihn als Soldat das Kämpfen formte beschrieb der amerikanische Schriftsteller Philip Roth 1945 in seinem Essay: Verteidiger des Glaubens s. Penguin Books Goodby Columbus 1959 u 1964 S. 149. „ Ich war es inzwischen gewohnt, einfach weiterzumarschieren, bis wir den gesamten Globus umrundet hätten- durch Dörfer und vorbei an Mengen von Feinden, die zusahen, wie wir Besitz ergriffen von allem, was sie bisher als ihren Besitz betrachtet hatten. Innerhalb von zwei Jahren hatte ich mich so verändert, dass mir das Zittern der Alten, das Weinen der sehr Jungen und die Unsicherheit und Furcht in den-Augen der einst so Arroganten nichts mehr ausmachten, Ich hatte glücklicherweise das Herz eines Infanterie –Soldaten bekommen, das wie seine Füße am Anfang weh tut aber schließlich genügend Hornhaut ansetzt, um die verrücktesten Wege zu marschieren, ohne noch irgendwas zu fühlen.“)

Jesu Geburt ist nach Überzeugung aller Christen weltweit die entscheidende Zeitenwende für die ganze Menschheit. Auf der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, die vom 6.-9. November 2022 in Magdeburg tagte, sagte die Vorsitzende des höchsten Leitungsgremiums von knapp 20 Millionen evangelischen Christen in Deutschland Pfarrerin Annette Kurschus:

“Waffen helfen den Ukrainern, sich zu wehren und zu verteidigen, sie können Leben retten, das ist sehr viel. Aber Waffen allein schaffen keinen Frieden. Frieden kann erst werden, wenn die Waffen schweigen und Gespräche möglich sind. Der Ruf nach diplomatischen Bemühungen ist nüchtern realistisch und höchst aufmerksam für die Gefahr einer weiteren Eskalation des Krieges. Es geht mir nicht darum, die Ukraine zu Verhandlungen aufzufordern - oder gar zur Kapitulation. Das wäre in der Tat naiv. Aber ich unterstreiche: Gespräche auf unterschiedlichsten Ebenen dürfen niemals für unmöglich erklärt werden.“ Während Annette Kurschus erneut die deutschen Waffenlieferungen als richtig und lebensrettend darstellte, wiederholte der mitteldeutsche Bischof und EKD-Friedensbeauftragte Bischof Friedrich Kramer in seiner Eröffnungspredigt zur Synode seine Ablehnung: „Müssen wir nicht um der Gerechtigkeit und Nächstenliebe willen helfen? Das ist klar. Aber auch mit Waffen? Ich sage Nein." (Quelle: Pressebericht der EKD zur Synode am 9.11.2022)

Martin Luther war davon überzeugt, dass Waffen, so lange sich jemand damit verteidigt, berechtigt sind. Aber wann wird Verteidigungswillen in Angriffswillen umschlagen? Wann wird die verführerische Hoffnung, den verbrecherischen Angreifer so in die Knie zwingen zu können, ja zu müssen, dass man ein für alle Mal keine Angst mehr vor ihm haben muss, Gewalt über Denken, Fühlen und Entscheiden gewonnen haben? Wann wird es zu spät sein für mich im Angreifer und für ihn in mir nicht nur noch den barbarischen Feind sondern auch immer noch den bedürftigen Mitmenschen zu erkennen, wie Jesus es tat am Kreuz, als er zu Gott betete: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.“?

Als Luthers guter Freund Philipp Melanchthon, Verfasser einer der wichtigsten Bekenntnisschriften der Reformation, der Confessio Augustana , ein Humanist, Pazifist und bekennender Christ , sehr lange haderte und mit vielen Selbstzweifeln darüber grübelte, ob Waffen zur Verteidigung erlaubt seien, die Entscheidung, die die politischen Gremien seiner Zeit von ihm dringend erbaten, immer wieder hinauszögerte, da forderte Luther ihn zum Entscheiden auf mit den Worten: „Sündige tapfer, doch tapferer glaube und freue dich in Christus, der Herr ist über Sünde, Tod und Teufel.“
Damit wollte er ihm etwas sagen, was für alle, die schwere Entscheidungen ob mit Folgen nur für sich selbst und wenige oder auch wie in der Politik für sehr viele andere treffen müssen: Auch in den dunkelsten Zeiten bleibst Du von Jesus bejaht und bei Gott geborgen. Wenn Du Dich entscheidest und ob Du auch zweifelst und haderst, ob Du auch Dir, Deinen Liebsten, den fernen und den nahen Nächsten und Bittenden und Leidenden , ja selbst Gott Wesentliches schuldig bleibst, so glaube doch: Du bist und bleibst bei Gott geborgen!

„Den Frieden lasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!“

Jesus spricht von einem Frieden, der mit ihm in diese Welt gekommen ist, der von Gott kommt und der wie es der Apostel Paulus schreibt, höher ist als alle Vernunft. (Phil 4,7)

Horst Ostermann, Pensacola Florida, im April 2022 und Waldbröl im November 2022

Empfohlene Literatur: Bibel; Stefan Zweigs Tragödie: Jeremias; Geert Mak: In Europa. Eine Reise durch das 20. Jahrhundert; „Friedensgutachten von 2022“ und die „Friedensagenda für die Ukraine und die ganze Welt“ verfasst von der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung am 21. September 2022.

 

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